Mittwoch, 28. August 2013

Im Wartesaal

Heute muss ich erst mal entschleunigen. Bisher ging es immer darum, rechtzeitig wieder auf der Piste zu sein, um das Etappenziel zu erreichen.

Ich stehe auf und weiß,  dass ich heute nur eine wichtige Aufgabe habe,  nämlich das Fährticket für Donnerstag nach Sassnitz zu besorgen.

Nachdem mich O2 scheinbar dauerhaft aus dem Internet verbannt hat, , bleibt mir nur das WLAN des Hotels oder das Reisebüro.

Das Reisebüro ist mir sicherer. Die Sache ist schnell erledigt und ich schaue mir die Stadt an.

Aber erst mal was essen. Am zentralen Theaterplatz sitze ich in der Sonne und genieße Zanderfilet im Speckmantel, danach Crêpes mit Kirschen und Eis und ein Espresso.

Was für ein Fest, nachdem ich mittags immer nur Wasser,  Brot und Salami zu mir genommen habe. Alles zusammen übrigens zu einem Preis von etwas mehr als 10 €.

Auf dem Theaterplatz sind einige Stände aufgebaut. Dort gibt es auch Ansichtskarten für meine Enkelchen.
"Na, wat suchste denn, Jungchen?" fragt mich die alte Dame mit dem Goldzahn.

Ich kann es nicht fassen - ich hab sie gefunden,  eine der letzten, die noch ostpreußisch spricht!

Sie ist 72 Jahre alt, heißt Inge und ist in Heydekrug (Silute) geboren - sie sagt wirklich richtig ostpreußisch "Heydekrug"! Ich kann mich garnicht satt hören.

Sie erzählt mir viel aus der Vergangenheit.  Als ich sie frage, ob sie heute noch Probleme mit den Russen hat, sagt sie: "wenn de n Russen n Finger abschneidst, kommt der gleiche rote Saft raus , wie beim Litauer, wir sind doch alle gleych!"

Dann spricht sie noch über die Gegenwart. Sie bekommt umgerechnet 30 € Rente. Ihr Mann hatte 200 €, aber er ist verstorben. Deshalb könnte sie ohne Arbeit nicht überleben. Von dem Verkaufserlös für Karten und Bernsteinschmuck bekommt sie 10 Prozent. Im Sommer muss sie was zurücklegen, weil im Winter die Miete höher ist.

Von der Altstadt für die Touristen habe ich erst mal genug gesehen,  also gehe ich ziellos in die andere Richtung und finde zahllose Zeugen der Vergangenheit.

Aufschriften aus der Vorkriegszeit,  hässliche Mehrfamilienhäuser, die,  weil unverputzt, auch nach 30 oder 50 Jahren seltsam unfertig aussehen,  Halter für die viel benutzten Fahnenstangen, einen alten Wolga (der könnte auch nach Havanna passen) ...

Außerdem fiel mir noch die großartige Innovation auf, dass an stark frequentierten Bushaltestellen die Fahrpläne auf Walzen montiert sind.  

Morgen ist Sporttag bei Pery,  vielleicht macht ihr mal einen Termin für die nächste "Weihnachtsfeier" - nächste Woche bin ich wieder dabei.

Aber ich gehe morgen wahrscheinlich noch mal zu Inge und um 19 Uhr legt die Fähre ab.

Freitag um 12 Uhr sollten wir in Sassnitz sein - und dann nichts wie nach Haus. Jetzt ist die Luft raus.

5 Kommentare:

  1. Dann ist die Tour schon zu Ende? Da bin ich aber traurig!
    Der Kappelner

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  2. Ja, ich bin auch etwas traurig. Andererseits freue ich mich schon sehr darauf, wieder zu Hause zu sein.
    Und im Übrigen ist es ja auch besser aufzuhören, bevor mich die Schreibblockade ereilt.
    Auf der Überfahrt werde ich noch ein bisschen schreiben, dann folgt noch ein Abschlussbericht.
    Das wars dann für diese Saison.

    Im nächsten Jahr geht's wieder weiter. Nach West und Ost muss zwangsläufig Nord oder Süd folgen.

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  3. Thomas Mann nicht getroffen, von Ännchen von Tharau kein Wort - nun mach mal halblang: Du bleibst in Mukran einfach drauf auf dem Pott und fährst wieder mit zurück. Und dann geht es weiter ;-) immer der Sonne entgegen ...
    Okay, wann bist Du im Pürto? Gote

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    1. Tja, die Ankunft am Freitag um 19.30 Uhr war natürlich kein gutes Timing. Aber wenn ihr wollt, schmeisse ich mich kommende Woche noch mal in die Fahrradmontur und komme zur richtigen Zeit am Pürto vorgefahren!

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  4. Glückwunsch und herzlich willkommen in der Heimat.
    AW-Expert

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