Sonntag, 1. September 2013
Das Spiel ist aus!
Nach achtzehn Stunden Fährüberfahrt, einer Fahrt mit der DB von Binz durch ganz Mecklenburg bin ich wieder zu Hause angekommen.
Siebzehn Tage sind seit dem Start am Brandenburger Tor vergangen, vierzehn davon habe ich auf dem Rad gesessen und dabei mehr als 1.400 km zurückgelegt. Das Wetter hat hervorragend mitgespielt, nur am Ruhetag in Elblag hatte ich etwas Regen.
Der Reiseplan ist erstaunlicherweise sehr gut aufgegangen. Insgesamt hatte ich fast immer etwas Vorsprung gegenüber der ursprünglichen Etappenplanung - besser so, als andersrum!
Polen und Litauen sind mir nicht mehr fremd und fern. Ich habe nette Menschen kennen gelernt und weiß jetzt, dass man in diesen Ländern als Tourist gut zurecht kommt. Mir ist es nur einmal passiert, dass ich etwas rüpelhaft behandelt wurde - und das war ausgerechnet in der Touristeninformation in Klaipeda.
Ansonsten waren die Mitarbeiter in Restaurants und Hotels stets sehr freundlich und zuvorkommend. Auch in kleinen Orten waren die Speisekarten immer in mehreren Sprachen abgefasst, so dass es keine bösen Überraschungen gab.
Fast überall wurde englisch oder deutsch gesprochen.
In den vielen Tante-Emma-Lädchen kann man das natürlich nicht erwarten, aber auch dort konnte ich mich gut mit Händen und Füßen verständlich machen und habe auch Sonn- und Feiertags alles bekommen, was ich zum Leben brauchte.
Nach deutschen Maßstäben kann man in beiden Ländern sehr preiswert reisen, was natürlich entsprechend der Einkommensverhältnisse nicht für die Bewohner zutrifft.
Auf ein voll bepacktes Rad kann man gar nicht immer aufpassen, trotzdem ist mir nichts abhanden gekommen. Da ich auch meine eigene Schusseligkeit unter Kontrolle hatte, habe ich mit Ausnahme von zwei Kilogramm Körpergewicht alles wieder mitgebracht.
Dass Polen und Litauen nicht unbedingt gut für Fahrradfahrer geeignet sind, habe ich ja schon erwähnt. Aber selbst das kann ich nicht verallgemeinern, weil ich zumindest in Litauen nicht auf ausgewiesenen Fahrradstrecken unterwegs war.
Alles in Allem kann ich nur feststellen, dass beide Länder durchaus eine Reise wert sind, wenn auch nicht unbedingt mit dem Fahrrad ...
Hier noch mal die ganze Tour im Überblick (per GPS aufgezeichnet und leicht bearbeitet).
Schön, dass ihr dabei ward, ich hoffe ihr lest im nächsten Jahr wieder mit, wenn es nach Norden oder Süden geht!
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Hallo Franz,
falls du die Seite gefunden hast, hier habe ich noch das Fährticket, von dem wir gesprochen haben:
Mittwoch, 28. August 2013
La Paloma
Es ist eine breite , teilweise recht schlechte Straße und der Weg zieht sich lang hin. Um 16 Uhr erreiche ich den Fährterminal.
„Vada a bordo, cazzo!"
Deshalb kann ich fast das gesamte Gepäck am Fahrrad lassen. Ich nehme nur eine kleine Fahrradtasche, die ich entsprechend vorbereitet hatte und die Lenkertasche mit.
Zwischendurch werde ich durch laute Musik und Gesänge vermutlich aus den Mannschaftsräumen geweckt. Das hört sich nach Saufgelage an. Im Halbschlaf denke ich nur: hoffentlich ist der Kapitän nicht dabei ..., dann bin och wieder weg.
Im Wartesaal
Heute muss ich erst mal entschleunigen. Bisher ging es immer darum, rechtzeitig wieder auf der Piste zu sein, um das Etappenziel zu erreichen.
Ich stehe auf und weiß, dass ich heute nur eine wichtige Aufgabe habe, nämlich das Fährticket für Donnerstag nach Sassnitz zu besorgen.
Nachdem mich O2 scheinbar dauerhaft aus dem Internet verbannt hat, , bleibt mir nur das WLAN des Hotels oder das Reisebüro.
Das Reisebüro ist mir sicherer. Die Sache ist schnell erledigt und ich schaue mir die Stadt an.
Aber erst mal was essen. Am zentralen Theaterplatz sitze ich in der Sonne und genieße Zanderfilet im Speckmantel, danach Crêpes mit Kirschen und Eis und ein Espresso.
Was für ein Fest, nachdem ich mittags immer nur Wasser, Brot und Salami zu mir genommen habe. Alles zusammen übrigens zu einem Preis von etwas mehr als 10 €.
Auf dem Theaterplatz sind einige Stände aufgebaut. Dort gibt es auch Ansichtskarten für meine Enkelchen.
"Na, wat suchste denn, Jungchen?" fragt mich die alte Dame mit dem Goldzahn.
Ich kann es nicht fassen - ich hab sie gefunden, eine der letzten, die noch ostpreußisch spricht!
Sie ist 72 Jahre alt, heißt Inge und ist in Heydekrug (Silute) geboren - sie sagt wirklich richtig ostpreußisch "Heydekrug"! Ich kann mich garnicht satt hören.
Sie erzählt mir viel aus der Vergangenheit. Als ich sie frage, ob sie heute noch Probleme mit den Russen hat, sagt sie: "wenn de n Russen n Finger abschneidst, kommt der gleiche rote Saft raus , wie beim Litauer, wir sind doch alle gleych!"
Dann spricht sie noch über die Gegenwart. Sie bekommt umgerechnet 30 € Rente. Ihr Mann hatte 200 €, aber er ist verstorben. Deshalb könnte sie ohne Arbeit nicht überleben. Von dem Verkaufserlös für Karten und Bernsteinschmuck bekommt sie 10 Prozent. Im Sommer muss sie was zurücklegen, weil im Winter die Miete höher ist.
Von der Altstadt für die Touristen habe ich erst mal genug gesehen, also gehe ich ziellos in die andere Richtung und finde zahllose Zeugen der Vergangenheit.
Aufschriften aus der Vorkriegszeit, hässliche Mehrfamilienhäuser, die, weil unverputzt, auch nach 30 oder 50 Jahren seltsam unfertig aussehen, Halter für die viel benutzten Fahnenstangen, einen alten Wolga (der könnte auch nach Havanna passen) ...
Außerdem fiel mir noch die großartige Innovation auf, dass an stark frequentierten Bushaltestellen die Fahrpläne auf Walzen montiert sind.
Morgen ist Sporttag bei Pery, vielleicht macht ihr mal einen Termin für die nächste "Weihnachtsfeier" - nächste Woche bin ich wieder dabei.
Aber ich gehe morgen wahrscheinlich noch mal zu Inge und um 19 Uhr legt die Fähre ab.
Freitag um 12 Uhr sollten wir in Sassnitz sein - und dann nichts wie nach Haus. Jetzt ist die Luft raus.
Dienstag, 27. August 2013
Wieder auf dem R1
Am Ziel?
Die Zeitumstellung habe ich scheinbar verkraftet. Ich wache morgens in meiner Rümpelbude namens Hotel Jurbarkas auf.
DasTreffen mit Brian fällt mir gleich wieder ein.
Ganz klar, der Reiz solcher Reisen besteht im wesentlichen aus drei Komponenten:
- ein Land kennen zu lernen,
- mit Leuten aus anderen Ländern in Kontakt zu kommen
und mal für eine begrenzte Zeit auf sich allein gestellt zu sein.
Zunächst mißtraue ich der gestern mit der Deschurnaja verabredeten Frühstückszeit. Irrtum, kurz nach halb Acht klopft es und sie bringt mir ein Tablett mit Würstchen, Eiern, Brot ohne Kümmel und anderen Köstlichkeiten. Natürlich esse ich alles auf, ich werde jede Kalorie brauchen.
Bisher war ein Gespräch mit der Dame sehr schwierig, da sie kein Englisch kann. Da fällt mir ein, dass russisch vielleicht eine Basis wäre - Treffer. Leider muss ich schnell feststellen, dass der Russischunterricht wohl nichts gebracht hat, die Verständigung bleibt holprig. Egal, sie nimmt mein Geld und gibt mir mein Rad. Meine Taschen sind schon gepackt und so kann es bald losgehen.
Der Wettergott meint es gut mit mir und schnell ist klar, dass das heute ein langer Kanten wird. Bereits um dreiviertel Zwölf (viertel vor Zwölf) habe ich mein ursprünglich geplantes Ziel Pagegia erreicht.
Schnell ein kleiner Wasser/Wurst/Brot-Imbiss und weiter geht's.
Zwar handelt es sich um eine Fernverkehrsstraße, aber der Verkehr ist mäßig und die Straße ist gut.
In den Ortschaften gibt es viele hässliche Mehrfamilienhäuser, manchmal wurden die Fernwärmeleitungen einfach davor auf der Straße verlegt.
Auch die bei uns früher verbreiteten Reihengaragen kann man hier finden.
Generell habe ich zwar den Eindruck, dass die meisten Litauer etwas zurückhaltender als die Polen fahren, aber es gibt heftige Ausreißer.
Jetzt kann ichs ja sagen, die vierzig Kilometer vor Silute werden der Horror. Bald höre ich auf, die gefährlichen Szenen zu zählen. Meistens sind es Fernfahrer aus Litauen oder Russland, die ohne Sicherheitsabstand überholen oder mir auf meiner Fahrspur beim Überholen entgegen kommen, manchmal auch Pkw-Fahrer.
Es ist ein Graus, leider zeigt meine Karte keine Alternative.
Zum Glück ist der Albtraum hinter Silute zu Ende.
Jetzt kommt eine ruhige Straße zur Binnenseite des Kurischen Haffs.
Dort habe ich mir einen Campingplatz in Vente ausgesucht, von dem eine Fähre nach Nida auf der Nehrung fahren soll.
Mein Plan ist, dass ich von Nida aus die Kurische Nehrung bis Klaipeda fahre. Leider fand ich im Internet keine Bestätigung, dass der Campingplatz noch existiert und die Fähre noch fährt.
Aber ich habe richtig Glück, nehme einen Bungalow auf dem Campingplatz und erfahre, dass die Fähre an allen Tagen ausser Montag verkehrt. Jetzt habe ich ein Ticket und freue mich auf morgen.
Heute abend habe ich noch zwei Österreicher kennengelernt, die eine Senioren-Fahrradfahrergruppe aus Hamburg betreuen und mit mir morgen übersetzen.
Zum Schluss habe ich noch einen traumhaften Sonnenuntergang erlebt.
Die Schlussetappe war127 km lang. Morgen werden es zum Austrudeln auf der Kurischen Nehrung nochmal ca. 60 km bis Klaipeda.
Leider hat mich der Provider vorläufig vom Datennetz getrennt, so dass ich mein Tagebuch erst jetzt aktualisieren kann.
Sonntag, 25. August 2013
Jurbarkas
Tatsächlich habe ich mit dem Fahrrad die Zeitzone gewechselt. In Litauen ist es eine Stunde später als in Deutschland. Deshalb habe ich dann doch das Frühstück am Campingplatz genommen, dass es ab 8 Uhr gibt - in Deutschland also 7 Uhr.
Gleich gibt's noch ne Überraschung - das dunkle und das helle Brot sind mit Kümmel gebacken - bißchen gewöhnungsbedürftig. Habe ich eben länger dran gekaut als üblich.
Noch hatte ich nur wenige Litas in der Tasche und brauchte aber noch was zu essen und zu trinken für unterwegs.
Gesang.MP3
Samstag, 24. August 2013
Polen-Rußland-Litauen
Heute soll die Tour also richtig international werden. Ich habe mir eine kurze Strecke vorgenommen, weil ich keine Ahnung habe, was mich in Litauen erwartet.
Zuerst einmal gibt's Frühstück.
Der Festsaal ist leer, niemand zu sehen, nur in der Küche klappert es.
Eine etwas unbeholfene Dame weist mir einen Platz am "Präsidiumstisch" zu. Leider kein Buffet, alles auf Zuteilung, immerhin reichts zum satt werden. Wenig später kommt ein deutsches Ehepaar, das mit Bahn und Bus auf den Spuren ihrer Vorfahren unterwegs ist. Ich halte mich nicht lange auf ind starte bald Richtung Litauen.
Die Strecke ist heute sehr hügelig, schön anzusehen aber bei unangenehmen Wind schwer zu fahren. Dafür gibt es nicht viel Verkehr. Die Autos haben jetzt häufiger litauische und russische Kennzeichen.
Als ich gerade Pause mache, überholt mich ein Fahrradfahrer mit Gepäck, er fährt bei knapp 20 Grad mit freiem Oberkörper und winkt mir kurz zu.
Wenig später sehe ich ihn einige hundert Meter vor mir stehen. Als ich näher komme, fährt er weiter. Deprimierend! Findet er mich schon unsympathisch, bevor wir uns gegenüber stehen konnten?
Als ich in einem SKLEP noch etwas Wasser und Kuchen für die Weiterfahrt kaufe, begegnet er mir nochmals kurz. Da bemerke ich, dass er polnisch spricht. Aha, das ist wohl die Erklärung. Die Frau im SKLEP kann ich nicht überreden, das Wechselgeld zu behalten, ich kann doch nichts damit anfangen.
Auch wenn ich als Fahrradfahrer nicht die besten Erfahrungen gemacht habe, macht mich doch der Abschied ein bisschen wehmütig. Selbst wenn die Polen auf der Straße etwas abweisend wirken, sind sie doch gute Gastgeber.
Es in diesen Tagen niemals passiert, dass mich jemand betrügen wollte oder abweisend reagiert hat. Im Gegenteil, gerade in der Gastronomie waren die Mitarbeiter alle sehr freundlich und hilfsbereit.
Also Leute, auch Polen ist eine Reise wert!
Punkt zwölf stehe ich am Dreiländereck Polen-Rußland - Litauen. Auf polnischer Seite sind extra eine Tafel und ein Stein aufgestellt worden. Putin hat einen Gartenzaun aufstellen lassen und die Tür abgeschlossen. Nach Litauen komme ich hier aber auch nicht, der Weg führt nicht weiter.
Auf der Suche nach einem Weg nach "drüben" treffe ich den Radler nochmal. Endlich kommen wir ins Gespräch. Er ist aus Kutno in Zentralpolen hierher aufgebrochen und will nur mal kurz an der Grenze lang fahren. Insgesamt hat er nur vier Tage Zeit. Armer Hund! Wir verabschieden uns freundlich und ich drehe endgültig nach Litauen ab.
Eine Stunde nach der Besichtigung des Dreiländerecks überquere ich nun wirklich die Grenze.
Der erste Eindruck ist sehr positiv, die Straßen sind sehr gut und alles sieht gepflegt aus.
Mal sehen, wie es weitergeht.
Ich biege wie geplant zum Ferien- Ressort Victoria ab. An der Rezeption vor mir sind einige Litauer
Nachdem ich mir einige Zeit die Sprache angehört habe, merke ich, dass ich wohl nicht ein einziges Wort nachsprechen könnte. Mir kommt es wie eine einzige Buchstabensuppe vor, etwa so, als ob Skandinavier wie die Sties sprechen würden (man muss dazu den Film "Willkommen bei den Sties" kennen).
Als ich dran bin, stellt sich heraus, dass Kreditkarten nicht akzeptiert werden - nur Bares ist Wahres!
Der nächste Geldautomat soll 30 km weiter sein. Glücklicherweise wird der Euro akzeptiert. Etwas peinlich ist mir, dass ich die Scheine an der Rezeption aus dem Schuh kramen muss. Ich habe ja damit nicht gerechnet und wollte das Geld als Notreserve dort aufbewahren, falls mir etwas gestohlen wird (ja, ja die Vorurteile).
Immerhin habe ich ein Dach über dem Kopf und bekomme was zu Essen. Das Ressort ist wohl noch aus Sowjetzeiten, alles sehr schlicht, aber an einem schönen See gelegen. Die Grenze zu Russland verläuft in der Mitte.
Heute waren es nur 56 km - Negativrekord, aber dafür bin ich in einem neuen Land!
Kleiner Nachtrag: inzwischen war ich im Restaurant essen. Sehr interessant. Zuerst die Suppe des Tages - pinkfarben, kalt, enthält Kohl und gekochtes Ei . Dazu werden warme Salzkartoffeln mit Dill serviert. Als Hauptgericht hatte ich aus purer Unsicherheit ein Steak ausgesucht, dazu gab's wieder Salzkartoffeln und eine fertige Grillsoße. Als Garnierung zwei Pilstomas, die auf den Namen "Volfas Engelman" hören. Das Ganze für deutlich weniger als zehn Euro. Man sollte sich dabei vor Augen halten, was dabei für die Leute, die die Arbeit machen, übrig bleibt. Wenigstens habe ich mir noch mein erstes litauisches Wort beibringen lassen: Ačiū - heißt danke und wird "Aitschu" gesprochen.
Und ganz zum Schluss habe ich mir einen schönen Sonnenuntergang am See Vistyneckoe gegönnt.
Freitag, 23. August 2013
Noch ist Polen nicht verloren ...
so beginnt die polnische Nationalhymne. Zwar verabschiede ich mich morgen aus Polen mit dem Eindruck, dass Polen und Fahrrad nicht zusammen passen. Vielleicht mit einer Ausnahme: ins SKLEP zum Bier holen.
Aber möglicherweise wirds ja noch in ferner Zukunft was.
Heute habe ich mich erstmals in Polen an einem beliebten Hotelproblem erfreut: der Duschkopf hängt wie ein Lämmerschwanz am Haken und lässt sich nicht fixieren.
Wenn Frauen in der Variante "ohne Haare" duschen, dann geht das noch, bei mir ist das immer ein Ärgernis.
Insgesamt gibt's über Hotels in Polen nichts zu meckern. Alles ist sauber und ordentlich.
Heute gab's zum Frühstück Quarkplinsen in mehreren Varianten. Auch die beliebten sauer eingelegten Champions hatte ich schon.
Heute stand eine relativ kurze Etappe nach Goldap auf dem Programm. Goldap deshalb, weil es die letzte Stadt ist, bevor ich links nach Litauen abbiegen will. Auf dem Weg dorthin gab's sehr schöne Landschaft und zwei kräftige Regenschauer.
Erster Stopp war Lötzen (Gizycko), ich glaube, dass ist der größte Ort in Masuren. Über die malerische handbetriebene Drehbrücke bin ich gerade noch rüber gekommen, dann wurde sie aufgemacht.
Auf deranderen Seite verwickelte mich eine Horde gelangweilter Senioren inein Gespräch übers Fahrradfahren. Beinahe hätte ich den Brückenschwenk verpasst.
Anschließend ging es ständig bergauf und bergab durch zahllose kleine Dörfer
Es gibt relativ viele Bauruinen und alte verfallene Häuser hier, aber merkwürdigerweise wird oft direkt daneben neu gebaut.
Das am häufigsten vorkommende Verkehrsschild musste ich auch mal fotografieren
Kleiner Hinweis: es ist kein Reh.
Goldap ist ein eher langweiliger kleiner Ort mit einem rechteckigen großen Platz im Zentrum, der leider zur Hälfte als Parkplatz missbraucht wird.
Überhaupt scheint sich in Polen vieles dem Auto unterzuordnen.
Am ulkigsten finde ich aber das Hotel. Es erscheint total überdimensioniert für den kleinen Ort. Alles ist nobel eingerichtet und mit einem runden Bankettsaal ausgestattet. Der junge Kellner scheint mit insgesamt sechs Gästen völlig überfordert zu sein.
Die übrigen Angestellten bereiten scheinbar so eine Art Ball der Wirtschaft vor und bügeln im Bankettsaal die Tischdecken. Es wirkt sehr skurril, weil Schein und Sein einfach nicht zusammen passen.
So, morgen geht's nach Litauen
Ich bin sehr gespannt und ihr hoffentlich auch!
Donnerstag, 22. August 2013
Verkehrsrowdies und die Wolfsschanze
Der Tag beginnt sonnig.
Wie immer bediene ich mich großzügig am Frühstücksbuffet. Erst ein paar Cornflakes mit Milch, dann zwei bis drei Brötchen, gerne auch Kuchen und Joghurt, dazu Saft und Kaffee.
Das geht nicht anders, sonst komme ich nicht mit Wasser und Süßkram bis zur Mittagspause.
Heute will ich nicht so weit fahren, also lasse ich es langsam angehen.
Wie immer ist es schwierig, den richtigen Weg aus der Stadt zu finden.
Nach einiger Zeit hupt mich ein Lkw auf einer zweispurigen Fernstraße an. Da ich nicht ausweichen kann - es gibt nur einen schmalen, 5 cm tiefer liegenden Randstreifen - fahre ich einfach weiter, der Lkw auch. Das war knapp, ich schaffe es gerade so, auf dem Rand zum stehen zu kommen. Kurze Zeit später überholt mich im Ort ein Kleintransporter und biegt direkt vor mir ab - bin ich Luft?
Damit nicht genug. Ich war auf einer Fernstraße unterwegs, als von rechts ein Caravan aus einer Nebenstraße kam. Alles war übersichtlich, also fuhr ich weiter. Der Caravan gab Gas und machte im letzten Moment eine Vollbremsung.
Schwein gehabt, das wäre die Krönung.1000 km durch Polen zu fahren und trotz rabiater polnischer Autofahrer ohne Kratzer davon zu kommen, um dann von einem Rheinländer über den Haufen gefahren zu werden!
Ich weiß nicht, wer den größeren Schreck bekommen hat, jedenfalls hat er sich später noch zweimal wortreich bei mir entschuldigt.
Zuviel zu meiner naiven Vorstellung, dass es in Masuren gemächlich zugeht.
Immerhin sehe ich auch ohne Strich auf der Straße, dass ich jetzt wirklich in Masuren bin. Das Schild ist eindeutig. Es ist jetzt auch wesentlich hügeliger als bisher.
Mein heutiges Ziel heißt Rastenburg, auf polnisch Kętrzyn. Unweit davon, in Gierłoż, ließ sich Hitler ab 1940 unter strenger Geheimhaltung die Wolfsschanze bauen, sein Hauptquartier für die Ostfront. Am 20. Juni 1944 fand hier das letztlich erfolglose Attentat auf Hitler durch von Stauffenberg, von Tresskow und andere statt.
Die Ruinen sind heute Freiluftmuseum. Das wollte ich mir ansehen.
Ursprünglich wollte ich in Kętrzyn übernachten, aber dann stellte ich fest, dass die Wolfsschanze sieben km entfernt liegt und dass dort in einem ehemaligen Gebäude der Wachmanschaften ein Hotel eingerichtet wurde.
Als ich im Regen ankomme, ist das Hotel ausgebucht. Also habe ich erst mal das Gelände besichtigt. Es werden auch Führungen angeboten.
Eigentlich ist nicht viel zu sehen.Nur riesige Betonbrocken und eine Gedenktafel an der Stelle, wo das Attentat stattfand.
Unter dem bekannten Motto "rückwärts nimmer, vorwärts immer" entschließe ich mich, nicht nach Kętrzyn zurück zu fahren, sondern weiter Richtung Litauen zu fahren. Dabei entdecke ich genau die Motive, die man von Masuren klischeehaft annimmt. Es gibt sie wirklich!
Ich finde ein nettes Motel. Wieder esse ich die hervorragende polnisch Suppe Zurek (Schureck gesprochen), die jedes mal anders ist und jedesmal wunderbar schmeckt.
Nebenbei erfahre ich, dass eine Kellnerin 1, 50 € pro Stunde verdient und eine andere Frau für das Kartoffelsortieren 1 € pro Stunde.
Was sonst noch passierte:
Heute habe ich drei Fernradler getroffen, alle in der falschen Richtung unterwegs, aber wir haben uns herzlich über die Straße gegrüßt. Gestern sind mir zwei Bremer begegnet, die mir bestätigt haben, dass Kaliningrad nicht unbedingt ne Reise wert ist.
Dass mir alle nur entgegen kommen, kann eigentlich nur an meiner hohen Geschwindigkeit liegen. Warum überhole ich bloß niemanden?
Heute waren es 89 km bis Sterławki Wielkie.
Bilder kann ich leider heute keine mehr erstellen, ich habe häufige Verbindugsabbrüche.
Mittwoch, 21. August 2013
Schon Masuren?
Das Wetter hat sich auf niedrigem Niveau stabilisiert. Das bedeutet kein Regen aber auch keine Sonne bei knapp 20 Grad. Ab und zu hat ganz oben jemand eine feuchte Aussprache und der Wind ist teilweise sehr heftig, nicht immer zu meinen Gunsten.
Es ist immer schwer, aus einer größeren Stadt herauszufinden. Erst fahre ich in der falschen Richtung. Fahrradwege enden abrupt in der Baustelle.
Irgendwann ist es geschafft und ich bin auf dem Weg nach Frombork (Frauenburg).
Wieder mal so ein Ort, der irgendwie außerirdisch wirkt. Alles extrem sauber und gepflegt, touristisch, viele Gaststätten und ein kleiner Hafen.
Ich bin fast an der Ostsee angekommen, denn das ist das Frische Haff. Ein Haff ist ein komplett vom Meer durch die Nehrung getrennter Brackwasserbereich. Die berühmte Kurische Nehrung weiter im Osten kann ich von hieraus nicht sehen. Das macht aber nichts, ich fahre ja noch hin.
Aber zunächst fahre ich wieder vom Meer weg. Dazu verlasse ich endgültig den Europaradweg R1, schleiche mich an Zar Putins Reich Kaliningrad vorbei und nehme einen individuellen Weg nach Lidzbark Warminski. Zugegeben, kein besonders poetischer Name.
Wo fängt das richtige Masuren eigentlich an - ist ja kein Strich auf der Straße.
Ich habe bei Wikipedia nachlesen, ich bin noch garnicht da. Kurz nach Frombork muss ich meine Karte austauschen, da überfallen mich ganze Mückenschwärme. Ich bin sicher, ich bin in Masuren! Stimmt aber nicht, erst morgen ist es soweit.
Die Landschaft ähnelt sehr der brandenburgischen. Warum bin ich dafür so weit gefahren?
Vielleicht, weil ich hier durch eine Kleinstadt fahre, die früher Mehlsack hieß. Auch wenn die Polen mit den alten deutschen Namen kein ernsthaftes Problem mehr haben, stehen diese Bezeichnungen natürlich nicht auf den Ortsschildern, sondern nur auf den deutschen Landkarten. Leider verschwindet ja auch der schöne ostpreußische Dialekt. Wenn ich Glück habe, kann ich ihn in den nächsten Tagen noch mal hören.
Die Leute sind auch deutlich freundlicher. Ich werde mehrmals zuerst gegrüßt, ein Lkw-Fahrer bedankt sich, weil ich ihm die Vorfahrt lasse.
Ungefähr 20 km vor Lidzbark beginnen die Baustellen. Ein Martyrium für alle Verkehrsteilnehmer! Einspuriger Verkehr mit zeitgesteuerter Ampelregelung, kurze Pause, dann wieder das Gleiche. Ergebnis: eine Kolonne hat endlich eine Baustelle überwunden um gleich wieder 10 Minuten an der nächsten zu stehen usw.
Mir kann es egal sein, ich ignoriere die roten Ampeln und werde sogar freundlich von den Bauarbeitern durchgewinkt.
Abgesehen von den Baustellen sind die Straßen jetzt auch wesentlich besser.
Weil wir gerade bei den Autofahrern waren, ich wollte ja noch meine Erklärung dafür geben, warum in Polen soviel Opel fährt: Opel ist ein Anagramm oder Schüttelwort von Pole.Auf solche Lösungen kommt man nur durch langes Fahrradfahren ...
Heute waren es 126 km (auch bedingt durch Umleitungen). Die nächsten Etappen werden aber deutlich kürzer, ich habe es mir versprochen.


